Ringo Müller

Mensch und Historiker

„Feindliche Ausländer“ im Deutschen Reich während des Ersten Weltkrieges

Viele Jahre begleitete mich dieses Forschungsprojekt. Im Oktober 2017 verteidigte ich erfolgreich die daraus hervorgegangene Dissertationsschrift. Vier Jahre später erschien das Buch im Verlag Vandenhoeck & Ruprecht.

Telegramm, Festnahme Spionageverdächtiger
Telegramm, August 1914 (Auszug)

Inhalt

Projektskizze

Während des Ersten Weltkrieges erlangte weltweit die Zuschreibung „feindlicher Ausländer und Ausländerin“ - im Englischen „enemy aliens“ - für ausländische Staatsangehörige, die rechtlich oder national mit dem Kriegsgegnern in Zusammenhang gebracht wurden, eine entscheidene Bedeutung. In Australien, Neuseeland, Japan, Kanada, den Vereinigten Staaten von Amerika, Brasilien, Frankreich, Großbritannien, Deutschland, Italien, Österreich/Ungarn und Russland wurden so Bezeichnete in unterschiedlichen Variationen durch Teile der Zivilgesellschaft verunglimpft und aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen, durch die jeweiligen Administrationen überwacht, enteignet und interniert.

Im Zentrum meines Projektes stand der Umgang mit „feindlichen Ausländern“ in Deutschland. Was erfahren wir über Staat und Gesellschaft, wenn wir uns den Erzählungen und dem Tätigsein der Akteure im Kaiserreich zu wenden? Welche „Eigengeschichte“ (Jörn Leonhard, Büchse der Pandora, S. 28.) kristallisiert sich aus unseren Forschungen heraus, welche Prozesse können geschildert werden, „die jenseits von Vorher und Nachher liegen und die sich vermeintlichen Kausalgeraden und Kontinuitätslinien entziehen“?

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Buchveröffentlichung

Buchcover
Buchcover

Ringo Müller, „Feindliche Ausländer“ im Deutschen Reich während des Ersten Weltkrieges, Göttingen 2021. (ISBN-13: 978-3-525-36767-4)

Das Buch erschien im Verlag Vandenhoeck & Ruprecht.

Die Geschwister Boehringer Ingelheim Stiftung für Geisteswissenschaften unterstützte mit einem Zuschuss den Druck.

→ Verlag Vandenhoeck & Ruprecht

→ Deutschen Nationalbibliothek

→ Worldcat.org

Ganz herzlich danke ich allen Verlagsmitarbeiter/innen, die mit Ihrem Frohsinn, ihrer Hilfsbereitschaft und Unterstützung aus einem Manuskript ein Buch formten! Es ist ein schönes und für die Leser/innen ein hoffentlich interessantes wie spannendes Buch geworden.

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Projektentwicklung 2009-2021

Herbst 2009

Im Chemnitzer Stadtarchiv stieß ich in den Findbüchern auf den Aktentitel „feindliche Ausländer“, blätterte mich durch einige der Überlieferungen und suchte Literatur zum Umgang mit Ausländer/innen in Kriegszeiten.

Sommer 2010 bis Sommer 2011

Nach dem Abschluss meiner Magisterarbeiter holte ich einige vorsorglich angefertigte Archivkopien und Exzerpte wieder hervor und dehnte anschließend meine Recherchen über Ausländer/innen im Krieg auf weitere Archive in Deutschland aus. Im Laufe des Sommers traf ich die Entscheidung, dieses Thema zu vertiefen und von einer ‚Sozial- und Kulturgeschichte des Königreichs Sachsen im Ersten Weltkrieg‘ Abstand zu nehmen.

Während es draußen kälter wurde, saß ich lange an meinem Schreibtisch und erarbeitete sehr unterschiedliche Projektskizzen, mit denen ich mich auf Stipendien bewarb.

Gleichzeitig startete ich mit den ausführlichen Archivrecherchen im Hauptstaatsarchiv Dresden. Die dortigen Überlieferungen zu den stellvertretenden Generalkommandos bildeten nicht nur die Grundlage für die Betrachtung regionaler Ereignisse, sondern mit den umfangreichen Parallelüberlieferungen des Preußischen Kriegsministeriums auch eine spätere Säule für die Darstellung reichsweiter Vorgänge.

Spätsommer 2011

Mit meiner Entscheidung, nach Erfurt zu gehen und gegen ein Stipendienprogramm, verschoben sich meine inhaltlichen Schwerpunktsetzungen. (Damals war mir das gar nicht so bewusst.) Der zunächst sehr zentrale (ökonomische und rechtliche) Aspekt der Einschränkung bürgerlicher Freiheiten rückte zu Gunsten einer umfassenderen Betrachtung des Umgangs mit Ausländer/innen, einschließlich der (süd-)osteuropäischen Saisonarbeiter/innen, etwas in den Hintergrund. Zugleich beschäftigte ich mich intensiver mit den unterschiedlichen Praktiken staatlicher Akteure gegenüber Ausländer/innen.

ab Herbst 2011

Anschließend nahm ich unter anderem die Überlieferungen in München, Stuttgart und Berlin in den Blick. Daneben sichtete ich Editionen und die Protokolle der Reichstagsverhandlungen und begab mich auf die Suche nach (publizierten) Kriegserinnerungen.

Gleichzeitig folgten Projektvorstellung in Forschungskolloquien und Oberseminaren. Während einige Präsentationen mir Nachdenkenswertes mit auf den Weg gaben, brachten mich andere weniger voran. Rückblickend war es spannend zu sehen, welche Diskutant/innen sich auf das Thema und meine ersten Ergebnisse einließen und welche einfach nur ihre vorgefassten Meinungen und Ansichten bestätigt haben wollten.

2012, Sommer

Nachdem ich die Grundlagen des Themas recherchiert hatte, versuchte ich in Archiven inhaltliche Lücken zu schließen und Einzelfälle zu finden, die weitergehende Resonanzen in den lokalen und überregionalen Institutionen des Deutschen Reiches und seiner Bundesstaaten ausgelöst hatten.

Skizzen und Überlegungen zu den Ab- und Eingrenzungen des Forschungsfeldes ergaben, dass ich trotz historischer Überschneidungen die Betrachtung der Angehörigen des feindlichen Militärs (meist Kriegsgefangene) nicht mit in den Forschungsbericht aufnahm. Dessen konsequente Verortung in einer historischen Teildisziplin wie der Migrations- oder Militärgeschichte wollte ich im Zuge vieler Diskussionen schließlich vermieden wissen.

Im Wintersemester bot ich an der Universität ein Seminar über die Forschungspersektiven der Wissenschaftsgeschichte an und stieß dabei zwangsläufig auf die Schriften Bruno Latours. Seine Heterogenese der Wissenschaftsgeschichte am Beispiel Pasteurs und Pouchets (in: Michel Serres (Hg.), Elemente einer Geschichte der Wissenschaften, Frankfurt a.M. 1994, S. 749-790) faszinierte mich und öffnete neue Blicke auf meine Forschungen und Recherchen. Im Anschluss daran verschlang ich Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft und fand so meinen Roten Faden des Nachdenkens über die Geschichte „feindlicher“ Ausländer/innen und über mein eigenes Arbeiten in der Geschichtswissenschaft. Ich hoffe, dass im endgültigen Bericht meine Latour-Impressionen sichtbar sind, auch wenn ich nur am Anfang auf ihn verweise.

2013

Ich begann mit der Auswertung der recherchierten Quellen und fertigte erste Skizzen zu einer inhaltlichen Strukturierung an. Einige ‚Schreibversuche‘ über ausländische Arbeiter und zivil-organisierte Internierungslager in Süddeutschland warfen Fragen nach der erforderlichen Tiefschärfe der lokalen Beispiele auf. Ich hatte Lust einen großen Essay zu schreiben, aber vieles daran würde erklärungsbedürftig bleiben und die Leser/innen wären darauf angewiesen gewesen, mir zu glauben, dass hinter den Zusammenfassungen, die Thesen und Argumente unterstützen würden, viele Einzelfälle stehen. Ich setzte mich mit der Ausführlichkeit der Einzelfälle bis zum Ende der Schreibphase kritisch auseinander und entschied schließlich ebenso für die Veröffentlichung kaum Kürzungen vorzunehmen. Das Zitieren des Lokalen, die Sichtbarkeit der Vielfältigkeit, das Zeitnehmen für den Einzelnen und seine Worte ebenso wie Argumente stellt ein zentrales Anliegen meines Forschungsberichtes dar.

Und die Aldersbacher Schreibwerkstatt - Hans Woller und Thomas Schlemmer - ließ mich erkennen, dass kurze Sätze ohne Fachjargon auch schön sein können.

2014

Während ich 2014 viele interessante Menschen kennenlernte und die Diskussionen zum 100. Jahrestages des Krieges mit den entsprechenden wissenschaftlichen Tagungen verfolgte, kam ich mit dem Schreiben kaum voran.

In den ursprünglichen Projektskizzen hatte ich vorgesehen, anhand dreier Städte beziehungsweise Landkreise den Umgang mit Ausländer/innen lokal- und alltagsgeschichtlich zu schildern. Die Suche nach den entsprechenden Beispielen gestaltete sich aber kompliziert, weil die Überlieferungssituationen sehr ungleichartig waren. In einigen Fällen fehlten beispielsweise ausreichende Kontextualisierungsmöglichkeiten, an anderer Stelle blieben Fragen zu den Motiven und den Verflechtungen der Akteure offen. So entschloss ich mich, viel gesammeltes lokales Archivmaterial beiseite zu legen. Mit dem Konzept, von den historischen Praktiken aus das Forschungsfeld zu erschließen, setzte ich schließlich auf eine integrativ-vergleichende Darstellungsweise.

Herbst 2014 bis Sommer 2015

Einige Einzelfallschilderungen hatte ich nun zu Papier gebracht. Nachrecherchen führten mich nochmals nach Berlin. Zugleich begann die Finanzierungsgrundlage meines Projektes etwas zu wackeln.

Spätsommer 2015 bis Frühjahr 2017

Die goldenen Jahre der Projektfinanzierung waren eindeutig vorüber. Aber zwischen Schulhofwartepausen und dem Küchentisch, zwischen dem Mitgerissen-werden der Leichtigkeit des Aufwachsens und intensiven Arbeitsnächten fand ich einen Rhythmus des Schreibens und stellte Kapitel für Kapitel fertig.

Zwei Kapitel mit den Konzepttiteln „Vortragen und Verhandeln“ (Hauptüberlieferung: Reichstagsdebatten) und „Mißtrauen und Vertraut-sein“ (Hauptüberlieferung: recherchierte Einzelfälle und Kriegserinnerungen) blieben hierbei nur grobe Skizzen und Ansammlungen von Quellenverweisen, weil es in ihnen zu zu vielen Überschneidungen mit anderen Kapiteln gekommen wäre.

Mai 2017

Das Manuskript ist komplett. Ich gehe nochmals viele zurückliegende Notizen durch.

Oktober 2017

Im Sommer erhalte ich ein dreimonatiges Stipendium und denke langsam an die Zeit nach dem Projekt. Zuerst verteidige ich aber meinen Bericht und die Forschungsergebnisse in einem kleinen Raum in der Staatswissenschaftlichen Fakultät an der Universität Erfurt.

2018, 2019, 2020

Lieblingsplatz in der Uni-Bibliothek
Lieblingsplatz in der Uni-Bibliothek

Zwei neue Projekte treten in mein Arbeitsleben und nehmen viel Zeit in Anspruch. Die Veröffentlichung rückt deshalb etwas in den Hintergrund.

Ich überlegte, ob ich für die Veröffentlichung erhebliche Kürzungen am Manuskript vornehmen sollte. Zwei Kapitel hätte ich umstellen und einige Teile herauslösen können. Anschließend wäre für das Kapitel „Vortragen und Verhandeln“ genügend Raum gewesen. Allerdings wäre der Arbeitsaufwand beträchtlich gewesen. Den zentralen Gedanken des Kapitels würde ich gern später in einem kleinen Aufsatz ausbreiten.

11. Oktober 2021

Bücher in einer Kiste
Bücherstapel

Veröffentlichung, 770 Seiten inkl. Anhang.

Es hat Spaß gemacht. Auf zum nächsten Projekt und zum nächsten Buch!

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Ergänzungen zum Buch

Hunderte Überlieferungen, einige Statistiken und entfernte Aspekte haben es nicht in das Buch geschafft. Manches verwarf ich im Laufe der Jahre oder übersah es auf den letzten Metern. Einige dieser Dinge möchte ich an dieser Stelle sammeln. (Stand: Januar 2022)

Verstorbene Zivilgefangene

Wilhelm Doegen machte in seinem Buch Der Kriegsgefangenen Haltung und Schicksal in Deutschland aus dem Jahre 1921 genauere Angaben über die Zahl der verstorbenen Zivilinternierten im Deutschen Reich.[1] Eine ähnlich Statistik ist mir aus den verstreuten Überlieferungen des Preußischen Kriegsministeriums nicht bekannt.

Demnach starben 4213 Zivilgefangene bis zum 10. Januar 1919 „in den Lagern“ von insgesamt 111.879 erfassten Personen, von denen er auf der Grundlage militärischer Quellen ausgeht.[2] Aufgeschlüsselt nach ihrer Staatsbürgerschaft verstarben: 362 belgische, 73 britische, 1422 französische, 1878 russländische, 45 serbische, 24 rumänische, 24 italienische, 1 portugiesischer, 1 US-amerikanischer und 2 griechische Staatsangehörige (= 3832 Verstorbene). Einer Krankheit oder ihrer Verwundung erlagen 4169 Ausländer/innen. 17 begingen Suizid.

[1] Wilhelm Doegen, Der Kriegsgefangenen Haltung und Schicksal in Deutschland, Berlin 1921, S. 57.

[2] Siehe zu einer genauere Auseinandersetzung mit den amtlichen Statistiken über feindliche Ausländer/innen: Müller, „Feindliche Ausländer“, S. 575 ff.

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Promotion

2017 wurde mein Bericht als Dissertation an der Philosophischen Fakultät der Universität Erfurt angenommen.

Verteidigung im Oktober 2017
Erstgutachter: Prof. Dr. Gunther Mai (Universität Erfurt)
Zweitgutachter: Prof. Dr. Werner Benecke (Europa-Universität Viadrina, Frankfurt/Oder)

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Projekt- und Thesenpräsentationen

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