Draußen wird es dunkel und der Lichtschein meiner Schreibtischlampe erhellt ein Chaos aus Notizzetteln, USB-Sticks und Büchern. Dazwischen habe ich meinen Laptop geschoben und blättere mich durch den Neuen Theater-Almanach aus dem Jahre 1895.
In einem Zeitungsartikel erwähnte der Redakteur, dass Carl Becker überredet werden musste, die Stelle des Theaterdirektors in Erfurt anzunehmen. Wenn ich von einer thüringischen Theaterlandschaft ausgehe, in der die einzelnen Direktoren und Bühnenverantwortlichen miteinander in Beziehung standen, dann dürfte es interessant sein, mit wem wir es in diesem Geflecht zu tun haben; auf wen Carl Becker hier traf.
Zunächst lockte in dieser Zeit weiterhin das Erfurter Volksschauspielhaus Gäste aus nah und etwas weniger nah an. Eigentümer und Direktor war Julius Waegemann. Ludwig Maeder unterstand die „artistische Direktion“ und er brachte Stücke wie „Millionenbauer“, „Pfennigreiter“ oder „Heirathsnest“ auf die Bühne.
Hans Bronsart von Schellendorf (1830–1913) NDB hielt in Weimar als Generalintendant die Zügel des Hoftheaters und der Hofkapelle in der Hand. Während seine Familie der Leidenschaft für's Militärische frönte, zog es ihn zum Musikalischen. Allerdings wurde er 1895 pensioniert und dürfte das Wirken Beckers in Erfurt nur am Rande mitbekommen haben. Am Tag der Eröffnung des Erfurter Theaters, dem 15. September 1894, konnten sich die Weimarer Prinz Friedrich von Homburg, ein Schauspiel von Heinrich von Kleist, zu Gemüte führen. Eventuell motivierte den Intendanten das Stück auf die Bühne zu bringen, doch ein wenig die Sehnsucht nach einer Militärlaufbahn? (Das Weimarer Programm ist gut über die digitalisierten Theaterzettel zu erschließen. URL: theaterzettel-weimar.de)
Bleiben wir auf der Strecke ostwärts und fahren mit dem Zug nach Jena. Hier gab es in der Wintersaison ein Schauspieltheater unter der Direktion von Oskar Drescher, der ebenfalls das Sommertheater in Merseburg leitete.
Unsere nächste Station wäre in Gera bei Intendant Carl Freiherr von Meysenbug (1840–1920), Hofmarschall und Kammerherr. Hans Julius Rahn (1850–1913) führte hier die Oberregie. Der ausgebildete Kaufmann war als Schauspieler und Intendant viel in der Theaterwelt herumgekommen. Zu seinen beruflichen Stationen gehörten Leipzig, München, Aachen und Graz (> Deutsche Biographische Enzyklopädie, hg. von Rudolf Vierhaus, Bd. 8, München 2007, S. 158).
Zum Schluss: Was der Almanach uns ebenso zeigt, ist, dass Carl Becker während er im Winter in Erfurt direktorierte, im Sommer das Stadttheater in Swinemünde (Świnoujście) weiterleitete. In der Zeit der Sommerfrische vom 15. Juli bis 15. September führte er in der Usedomer Hafenstadt Regie. Seine Frau Anna Becker wird als Stellvertreterin des Direktors aufgeführt.
In der Zeitschrift Signale für die musikalische Welt fand ich einen kurzen Nachruf auf Carl Becker:
„In Erfurt ist am 24. August Theaterdirector Karl[sic] Becker gestorben. Der Heimgegangene hat seit sieben Jahren das Erfurter Stadttheater geleitet und war vorher Director des Stadttheaters in Stralsund. Er war in der Theaterwelt als ein sehr tüchtiger und braver Bühnenleiter in gutem Ansehen. Die Künstler, die bei ihm als engagierte Mitglieder oder als Gäste thätig gewesen sind, werden ihm das beste Angedenken bewahren.“ (In: Signale für die musikalische Welt, 11.9.1901 (Jg. 59, Nr. 50), S. 793.)